Digitale Hauptstadt

Magazin / Kolumnen

 von Dr. Rainer Zitelmann

Kein anderer Faktor ist wichtiger für die Wertentwicklung an einem Immobilienmarkt als die Branchenstruktur an dem Standort. Siedeln sich in einer Stadt oder Region zukunftsfähige Branchen an oder nicht? Das ist die Schlüsselfrage. Über viele Jahre war es um die Wirtschaft in der Hauptstadt schlecht bestellt. Mit Frankfurt verband man die Finanzindustrie, mit Stuttgart den Automobilbau, mit Düsseldorf die Modebranche – und mit Berlin Transfergeldempfänger oder Soziologiestudenten, die im Kiez gewaltfreien Tee trinken. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch viel getan. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Investitionsbank Berlin („Digitale Wirtschaft in Berlin auf der Überholspur“) zeigt: Berlin hat sich zum wichtigsten deutschen Zentrum für die Digitale Wirtschaft entwickelt. Dieser Wirtschaftszweig ist Arbeitgeber für 59.000 Beschäftigte in unserer Stadt. Seit dem Jahr 2008 sind in diesem Bereich in der Hauptstadt fast 18.000 neue Jobs geschaffen worden. Dies bedeutet, dass seit 2008 jeder achte neue Arbeitsplatz in dieser Zukunftsbranche geschaffen wurde.

Vor allem im Vergleich mit anderen Großstädten sind die Berliner Beschäftigtenzahlen in der Digitalen Wirtschaft beachtlich, wie die Studie zeigt. Nur noch in München wurden Arbeitsplätze in einer ähnlichen Größenordnung geschaffen (14.000 seit 2008). In Hamburg waren es nur 9.000 und in Frankfurt am Main nur 7.800. Berlin ist zunehmend auch eine Gründerstadt, die wagemutige, junge Unternehmer aus der ganzen Welt anzieht. Im Jahr 2013, auf das sich oben zitierte Studie bezieht, wurden in Berlin im Bereich der Digitalen Wirtschaft 436 Betriebe neu gegründet. Die Berliner Hochschulen tragen dazu entscheidend bei. Der „Tagesspiegel“ berichtet von einer „Gründerbefragung“ von zehn Hochschulen der Region. Demnach haben die befragten Firmen 17.000 Arbeitsplätze geschaffen, im Jahr 2013 setzten sie 1,7 Milliarden Euro um. Auch die Geldgeber, sogenannte „Venture-Capital“-Geber, setzen immer stärker auf Berliner Firmen. Eine Studie der Universität Münster zeigt, wohin in den Jahren 2012/2013 das Geld floss. Demnach haben vor allem Geldgeber, die Start-ups mit Internet-Ideen unterstützen, keine Lust mehr auf Münchner Firmen. 2012 und 2013 wurden in Deutschland zwei Milliarden Euro in Start-ups investiert, davon 873 Millionen Euro in Berliner und Potsdamer Unternehmen. Für München fielen dagegen nur 378 Millionen Euro ab. Eine zunehmend wichtige Jobmaschine in Berlin ist der Digitale Handel. Bei den Onlineversandhändlern hat sich die Zahl der Beschäftigten seit 2008 mehr als verzehnfacht – auf heute immerhin 8.000 Personen.

Nicht zufällig ist auch das Unternehmen Zalando in Berlin entstanden. Die legendären Samwer-Brüder, die mit ihrem “Rocket Internet” und zahlreichen Firmengründungen eine Milliarde verdienten, haben ihr Geschäft in Berlin aufgebaut – und nicht etwa in ihrer Heimatstadt Köln. Und wo legen sie ihr Geld an? Jeder, der sich am Berliner Zinshausmarkt auskennt, weiß, dass die Sam- wer-Brüder hier als Investoren hoch aktiv sind. Im Online-Bereich wird das Geld verdient und werden Jobs geschaffen, am Berliner Zinshausmarkt wird es dann investiert. Gut so!

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