Polen birgt viel Potenzial

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Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Vor einiger Zeit berichtete mir Jürgen Michael Schick, dass er mit seinem Maklerunternehmen auch in Polen aktiv werden wird. Ich erinnere mich, als ich mich das erste Mal intensiver mit Polen, dessen Wirtschaft und dem dortigen Immobilienmarkt befasst habe. Das war im Jahr 2002, als die Immobilientochter der Deutschen Bank (sie hieß damals DB Real Estate) den ersten geschlossenen Immobilienfonds in Polen auflegte. Es handelte sich um einen Fonds mit einem vom deutschen Marktführer für Shopping-Center, der ECE, gemanagten Einkaufszentrum in Lodz, der drittgrößten Stadt Polens. Der Fonds hatte ein Investitionsvolumen von knapp 100 Millionen Euro.

Vorurteile gegen Polen

Das Unternehmen DB Real Estate war damals Kunde meines PR-Beratungsunternehmens Dr. ZitelmannPB. GmbH. Unsere Aufgabe war es, deutschen Investoren zu erklären, warum es sinnvoll ist, in Polen zu investieren. Das war keine einfache Aufgabe, denn es gab damals viele Vorurteile gegen Polen. Ein Anleger fragte auf einer Vertriebsveranstaltung: „Kaufen die Polen da überhaupt ein, oder klauen die da?“ Ich fand das nicht lustig, aber so waren die Vorurteile damals.

Etwas einfacher hatten wir es dann bereits 2006, als wir für einen anderen Kunden, HGA Capital (Tochter der HSH Nordbank), die PR für einen Fonds machten, der ebenfalls in ein von der ECE gemanagtes Shopping-Center investierte, diesmal in Danzig.

Und heute, 20 Jahre nachdem ich das erste Mal die Aufgabe hatte, Anlegern zu erklären, dass es sich lohnt, in Polen zu investieren, wie sieht es da aus? Inzwischen hat sich viel getan! Polen ist inzwischen eines der wirtschaftlich erfolgsreichsten Länder Europas mit hohen Wachstumsraten seit Jahrzehnten. Doch in sozialistischen Zeiten war Polen eines der ärmsten Länder Europas. 1989 verdiente ein Pole mit 50 USD im Monat nur ein Zehntel eines durchschnittlichen Deutschen, und auch dann, wenn man die Kaufkraft bereinigt, war es weniger als ein Drittel. Polen waren damals ärmer als die Ukraine und das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner war nur halb so hoch wie in der Tschechoslowakei. Die Inflation betrug in Polen im Jahre 1989 260 Prozent und 1990 400 Prozent. Polen war das einzige Land im sozialistischen Ostblock, das auch formell bankrottging.

Sozialismus hatte das Land ruiniert

Noch im Jahr 1910 betrug das Einkommen eines Polen 56 Prozent eines Westeuropäers. Doch bis zum Ende der sozialistischen Ära, die von 1945 bis 1990 dauerte, reduzierte sich dieser Anteil dramatisch; 1990 verdiente ein Pole nur noch 31 Prozent von dem, was Menschen in Westeuropa verdienen.

Doch durch konsequente kapitalistische Reformen wurde der Lebensstandard in Polen erheblich angehoben und erreichte bereits im Jahr 2016 57 Prozent des Niveaus der Westeuropäer, deren Lebensstandard nach dem Krieg erheblich gestiegen war. Quer durch alle Einkommensgruppen profitierten die Polen vom Kapitalismus.

Marcin Piatkowski konstatiert in seinem 2018 erschienenen ausgezeichneten Buch „Europe’s Growth Champion“: „Doch 25 Jahre später ist Polen zum unangefochtenen Vorreiter der Transformation und zum Wachstums-Champion in Europa und in der Welt geworden. Seit dem Beginn des postkommunistischen Übergangs im Jahr 1989 ist Polens Wirtschaft stärker gewachsen als die jedes anderen Landes in Europa. Polens Pro-Kopf-BIP ist fast um das Zweieinhalbfache gestiegen und übertrifft damit alle anderen postkommunistischen Staaten sowie die Euro-Zone.“

Doch nicht nur der Lebensstandard der Polen hat sich enorm verbessert, auch die Umwelt. Entgegen den Behauptungen von Antikapitalisten, der Kapitalismus sei für Umweltzerstörung und Klimawandel verantwortlich, zeigt das Beispiel Polens, dass das Gegenteil richtig ist. Die Energieintensität, also das Verhältnis vom Energieverbrauch zum Bruttoinlandsprodukt, halbierte sich bereits in den Jahren von 1990 bis 2011. Und der Anstieg der CO2-Emissionen hat sich in Polen inzwischen vom Anstieg des Bruttoinlandsprodukts entkoppelt. Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung – dies gilt also nicht nur für die Verbesserung des Lebensstandards, sondern auch für die Umwelt und den Klimawandel.

Wie hat Polen das geschafft und warum war Polen erfolgreicher beim Übergang zum Kapitalismus als andere ehemals sozialistische Länder? Ein wesentlicher Grund war, dass die kapitalistischen Reformen radikaler und schneller durchgeführt wurden, aber auch, dass sich nicht nur die Wirtschaft und die Institutionen geändert haben, sondern auch das Denken und Verhalten der Menschen.

Kapitalistische Schocktherapie hat gewirkt

Und wie so oft in der Geschichte sind auch das Wirken und die Bedeutung einzelner Personen nicht zu unterschätzen. An erster Stelle ist hier der ehemalige Finanzminister Leszek Balcerowicz zu nennen. Der liberale Ökonom war in der ersten demokratischen Regierung Polens, die 1989 gewählt wurde, Finanzminister.

Er war auch Vorsitzender der Polnischen Nationalbank (2001–2007) und zweimal stellvertretender Ministerpräsident Polens (1989–1991, 1997–2001).

Balcerowicz entwickelte ein Programm für kapitalistische Reformen, das später als „Schocktherapie“ bezeichnet wurde. „Das Reform-Programm“, so Piatkowski „war eines der radikalsten Wirtschaftsreformprogramme, die jemals in Friedenszeiten in der Weltgeschichte durchgeführt wurden.“

Es liegt in der Natur solcher Reformprogramme, dass sie zunächst vorübergehend für vielleicht zwei Jahre zu einer Verschlechterung der Situation führen, aber die Polen wurden für ihre Ausdauer mehr als belohnt, denn das Programm von Balcerowicz war auch der Grund, warum Polen das erste ehemals sozialistische Land war, das 1992 wieder auf einen wirtschaftlichen Wachstumskurs kam und später überaus erfolgreich wurde.

So wie Margaret Thatcher war auch Leszek Balcerowicz ein Anhänger von konsequent marktwirtschaftlichen Denkern wie Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises. Polen ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie erfolgreich diese als „neoliberal“ kritisierten Ideen sein können. Man kann nur hoffen, dass die Polen heute nicht vergessen, was die Gründe für ihren wirtschaftlichen Erfolg waren. Und auch die Deutschen, die vor 20 Jahren nicht verstanden hatten, warum es eine gute Idee ist, in Polen zu investieren, haben ihre Meinung wohl geändert. Ich wünsche Jürgen Michael Schick viel Erfolg in Polen!

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