Werden die Corona-Folgen für die Wirtschaft überschätzt?

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Dr. Dr. Rainer Zitelmann

Wie sich die Büro- und Einzelhandelsmärkte entwickeln werden, hängt vor allem von der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lage ab. Und da Deutschland in hohem Maße von Exporten abhängig ist, ist damit die weltwirtschaftliche Lage gemeint.

Bei großen, überraschenden und einschneidenden Ereignissen überschätzen wir oft die Langfristfolgen. Eine Umfrage, die die „Welt“ vor einigen Wochen veröffentlichte, zeigt, dass das auch bei der Corona-Krise so sein könnte. Befragt hatte die Zeitung dazu führende deutsche Ökonomen zu den Auswirkungen der Corona-Krise (man müsste genauer sagen: zu den Auswirkungen von Corona und der Corona-Bekämpfung).

Die meisten Umfrageteilnehmer stimmten darin überein: Es bleibt nichts wie früher, Corona wird auf Jahrzehnte unsere Wirtschaft massiv beeinträchtigen. Marcel Fratzscher vom DIW meinte, die Corona-Krise werde „ein einschneidendes Erlebnis auf Jahre und Jahrzehnte hinaus bleiben“; Gabriel Felbermeyer vom IfW erklärte, die Corona-Krise werde ein „tiefer Einschnitt sein, der noch über viele Jahre und sogar Jahrzehnte nachwirke“; Dalia Marin von der TU München prophezeit gar, es bleibe „nichts wie früher“. Lediglich Michael Hüther vom IW ist zurückhaltender und sagt, die Welt werde „nicht auf den Kopf gestellt durch die Pandemie“.

Überraschende Schocks werden oft überbewertet. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Ökonomen die Auswirkungen übertrieben sehen. Offenbar halten sich die Ökonomen auch für viel schlauer als die Börsen. Ich habe beispielsweise in einen ETF auf den weltweiten MSCI ACWI investiert, der im Hoch bei 142 Euro notierte, unter dem Corona-Schock auf 92 fiel (ich hatte bei 100 nachgekauft) und inzwischen wieder bei 121 notiert. Natürlich weiß niemand, wie es weitergeht, weil wir auch nicht wissen, ob es eine zweite Corona-Welle geben wird und wie die Politik darauf reagiert.

Die Erfahrung zeigt jedoch: Wir neigen oft dazu, die langfristigen Auswirkungen von großen, einschneidenden, überraschenden Ereignissen zu übertreiben. Ich kann mich noch an den Terroranschlag des 11. Septembers 2001 erinnern, als es überall hieß, ähnliche Ereignisse würden sich jetzt häufig wiederholen, es habe quasi ein neues Zeitalter des Terrors begonnen, nichts werde wieder wie früher sein. Als die ISIS-Terroristen mit schrecklichen Taten die Welt in Atem hielten, hörte man, es werde viele Jahrzehnte dauern, bis ISIS besiegt sei. Heute hört man kaum noch etwas von dieser Terrorgruppe.

Ich denke, dass es Entwicklungen in unserer Gesellschaft gibt, die langfristig viel gefährlicher sind als die Corona-Krise und die staatlichen Reaktionen darauf. Dazu zähle ich die sukzessive Zurückdrängung von Marktwirtschaft zugunsten planwirtschaftlichen Denkens, die wir in vielen Ländern beobachten können, besonders stark in Deutschland. Wenn etwa die deutsche Automobilindustrie, Energiewirtschaft und Wohnungswirtschaft sukzessive in eine Planwirtschaft verwandelt werden, dann hat das langfristig gravierendere Auswirkungen als die vorübergehende Schließung von Gaststätten und Hotels.

Diese gefährlichen Entwicklungen verlaufen eher schleichend und – anders als bei Corona – nehmen viele Menschen sie gar nicht wahr. Beispiel Automobilindustrie: Die deutsche Automobilindustrie war erfolgreich, solange Unternehmen (und damit letztlich Konsumenten) bestimmten, was produziert wird. In Zukunft soll das nach dem Willen der Politik nicht mehr so sein: „Flottenziele“, die in Brüssel festgelegt werden, entscheiden, welche Autos in welcher Menge produziert werden. Corona könnte ein Katalysator sein, der die gefährliche Tendenz einer Abkehr vom Kapitalismus – also: weniger Markt, mehr Staat – begünstigt. Die meisten Intellektuellen, viele Politiker und auch manche Ökonomen wünschen sich genau dies. Bei Marcel Fratzscher ist offenbar dieser Wunsch der Vater des Gedankens, wenn er formuliert: „Die Krise könnte das Ende des Neoliberalismus – der Dominanz des Marktes über den Staat – bedeuten und Regierungen zwingen, eine nachhaltigere, zukunftsorientierte Politik zu verfolgen – nicht nur bei der Bekämpfung von Pandemien.“

Weder Corona noch die Art, wie die Politik darauf reagiert hat, werden die Welt über Jahrzehnte verändern und erschüttern. Aber wenn der Kampf gegen Corona als Vorwand genommen wird, den Markt weiter zugunsten planwirtschaftlichen Denkens zurückzudrängen, dann ist dies hochgefährlich für die Wirtschaft.

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